Derby 2017 - Aus der Hölle in den Fußballhimmel

Nach 26 Minuten klinisch tot, gedemütigt und 0:4 hinten, nach 94 Minuten grenzenloser Jubel und der geilste Club der Welt: Der FC Schalke 04 krönt sich in einem irren Derby zum moralischen Sieger. Susanne Hein-Reipen, heiser, biergeduscht und glücklich, berichtet!

„Historisch“ ist ein großes, oft vorschnell verwendetes Wort, doch für dieses Derby trifft der Eintrag in die Geschichtsbücher 104%ig zu: Keiner der 80.179 Zuschauer in der ausverkauften Wellblechhütte alias Signal-Iduna-Park wird dieses Match jemals vergessen!

Auf geht’s in die verbotene Stadt

Dabei fängt der Tag ganz harmlos an: Gegen 11.30 Uhr sammeln sich gutgelaunte Schalker mit ebenso gutgelaunten Getränkevorräten – neben dem obligatorischen Bierchen stehen „Zeckenschutz“ und Killepitsch gut im Kurs – am Parkplatz P 6, um gemeinsam per Derbyshuttle in die verbotene Stadt zu reisen. Die Stimmung ist gut, aber noch eher ruhig. In Bus Nummer 10 sorgt die falsch eingestellte Uhr für Erheiterung, denn 19:08+1 darf keinesfalls gezeigt werden.

Als Lüdenscheid-Nord in Sicht kommt, ist dort gefühlt die komplette Polizei Nordrhein-Westfalens unterwegs, von Hubschrauber über Pferd und Hund bis Wasserwerfer ist alles vertreten. Die Shuttlebusse juckt das nicht, mit einer Ehrenrunde um Parkplatz D reihen sie sich in die Schalker Meute ein. Das Einparken auf dem schon gut mit Schalkern gefüllten Platz gestaltet sich nicht ganz einfach, doch einige  blaue Businsassen geben die menschlichen Rückfahrkameras und warnen den Fahrer mit lautem Miep-Miep-Miep, wenn noch jemand beiseite gezogen werden muss. Alle da, keiner plattgefahren. Läuft.

Verdächtig friedlich hier…

Wer schon im letzten Jahr die Busanreise nutzte, reibt sich verwundert die Augen: Kein Polizeikessel, keine Absperrung, die Schalker können völlig frei Richtung Westfalenhallen und an diesen vorbei Richtung Stadion marschieren. Nanu? Auf den Wegen sind zudem neben etlichen Polizeibeamten auch Schwarzgelbe unterwegs, doch bis auf einige Frotzeleien bleibt es friedlich. Mehr oder weniger geschmackvolle Aufkleber beider Vereine zieren die Schilder, Laternenpfähle und Wände entlang der Strecke.

Vor dem Stadion wird die für das Hochrisikospiel angekündigte strikte Fantrennung dann etwas konsequenter umgesetzt. Dicht an dicht geparkte Polizeibusse sollen Schalker und Borussen auseinanderhalten. Durch die Borussengasse quetscht sich zudem gerade der Schalker Mannschaftsbus, eskortiert von diversen behelmten Polizisten.

Auch am Einlass für die Gästeblöcke: Alles vollkommen relaxt im Vergleich zur letzten Begegnung an selber Stelle vor gut einem Jahr. Und langsam schweigt sich rum, dass ein größerer Trupp der aktiven Fanszene keinen Bock hatte, sich die Anreisewege vorschreiben zu lassen und es lieber „konspirativ“ auf eigene Faust versucht hat und dabei festgesetzt wurde, reichlich Pyroeinsatz inklusive.

Die Einlasskontrollen sind äußerst human; unter der Jacke der Ordnerin blitzt doch tatsächlich ein Schalkeanhänger hervor!

Derby-Betriebstemperatur

Im Treppenhaus finden sich bildhübsche Schalkesticker und UGE-Männekes, oben gibt es leckere HotDogs und als Damentoiletten getarnte Saunen. Hey BXB, wieso heizt Ihr die Klos auf 50 Grad hoch???

Etliche Schalker befällt angesichts der reichlich vertretenen Farbverirrung schwatzgelb ein leichter Juckreiz. Wo Gäste- und Heimblöcke aneinanderstoßen, kommt es trotz reichlich vorhandener Ordner zu ersten Becherwürfen und dem Austausch diverser verbaler Nettigkeiten: „Ihr habt die hässlichsten Weiber!“ und natürlich „Die Nummer 1 im Pott sind wir!“ schallt den Borussen entgegen.

Auch Kapitän Ralf Fährmann ist schon im Derbymodus und putscht sich und die Kurve mit geballten Fäusten und einer kleinen Urschreitherapie auf Betriebstemperatur. Der Lohn: Einige Frauenherzen und „Wer nicht hüpft, der ist Borusse!“ plus eine akustisch geschändete Grabstätte.

Obwohl der Schalker Support deutlich unter den fehlenden Ultras samt Tifo-Material und Megaphonen leidet, bemüht sich die Stadionregie mit Vorturner Norbert Dickel noch, ihn zu überschreien. „BVB, wir werden immer zu dir stehen“ und irgendwatt mit „Am Ende der Gasse erstrahlt die gelbe Wand“ wird völlig übersteuert in den Äther gejagt. Ein herzhaftes „BVB Hurensöhne“ schallt zurück. Weiter geht es mit Werbung für einen Film über „You never walk alone“ und einem arg kitschigen Song, der mit „Einst haben wir das schwarze Gold zu Tag gebracht“ beginnt.

Bei der Schalker Aufstellung setzt Domenico Tedesco offensichtlich trotz des wiedergenesenen Leon Goretzka auf „Never change a winning Team“ und lässt die Siegerelf von Freiburg und gegen den HSV ran. Als die Mannschaft nach dem Aufwärmen kurz in die Kurve kommt, gibt es begeisterten Applaus. Die Nummer 1 im Pott sind immer noch wir! Das ebenso ausgelutschte wie abgekupferte

„You’ll never walk alone“ kontern die Schalker mit demonstrativer Abwendung und Dutzenden hochgereckten Mittelfinger. Zum Einmarsch der Mannschaften erscheint auf der Süd ein großes Banner „Borussia Dortmund“ und etliche gelbliche Rauchtöpfe. Norbert Dickel brüllt derweil die Aufstellung runter und beschwört zigfach die „schwarzgelben Herzen“, bevor er nachschiebt, dass Pyro ja eigentlich verboten ist.

Eine schreckliche erste Halbzeit aus dem Gruselkabinett

Fährmann versucht im Kreis, seine Mitspieler aufzupushen. Die ersten zehn Minuten sieht das auch ganz gut aus; Konoplyanka hätte fast mit einem Lupfer die frühe Führung erzielt. Doch dann wird es bitter, ganz bitter: In der 11. Minute bugsiert Aubameyang, wegen seiner Batman-Mätzchen ohnehin mäßig beliebt beim Schalker Anhang, einen Ball mit der Hand über die Linie, nachdem Fährmann zuvor einen Schuss von Sahin nur hat abklatschen können. 1:0, Scheixxe, was macht der Aytekin eigentlich beruflich? Und wozu ist der Videoschiedsrichter da?!

Doch das ist längst nicht alles. Gerade als sich der ohne Vorsänger etwas führungslose Schalker Anhang wieder aufgerappelt hat und mit „Scheiß BVB“ und „Eine Stadt erstrahlt in Blau…“ den Support wieder aufgenommen hat, klingelt es schon wieder: Stambouli mit einem Eigentor (18.) und Götze per Kopf (20.) schrauben den Spielstand auf 3:0 für die dunkle Seite der Macht hoch. Norbert Dickel schreit wie ein Pornostar in den entscheidenden Minuten, die Kommentare der Schalker sind größtenteils nicht druckreif.

Eine Hinrichtung

Jetzt haben die Zecken natürlich Oberwasser, „die Nummer 1 im Pott sind wir“ schallt herüber. Die S04-Kurve ist vorübergehend paralysiert und versucht stumm, das Geschehen zu verarbeiten. Viel Zeit dafür bleibt allerdings nicht, denn in der 26. Minute ballert Guerreiro volley ins lange Eck. 4:0. Aua, das sieht jetzt schwer nach Hinrichtung aus – gab es überhaupt jemals in einem Derby so schnell eine so hohe Führung?

Die Bierbecher fliegen tief, die Häme des Borussenanhangs ist hör- und greifbar. „Scheiß S04“ und „Wer nicht hüpft, ist ein Schalker“ sind Retourkutschen für die entsprechenden Schalker Gesänge. Zum Glück reagiert Tedesco und bringt Goretzka und Harit für den gelb-rot gefährdeten McKennie und diSanto. Und hey, zur Pause kann sich der Schalker Anhang immerhin über zwanzig Minuten ohne Gegentor freuen. Das ist dann wohl Galgenhumor… „Ihr werdet nie deutscher Meister“ schallt von der Süd herüber, super, das hat es jetzt echt noch gebraucht. Nicht.

Aus der Hölle in den Fußballhimmel

In der Pause herrscht im Gästeblock Frust pur, dazu gibt es wieder Zoff mit den Nachbarblöcken und eine kleine Keilerei im Unterrang. Die „Highlights der ersten Halbzeit“ und ein Blick in twitter und die sozialen Netzwerke tragen auch nicht zur Erheiterung bei. Eine Kurve in tiefer Depression. Mit dem Ergebnis möchte kein Schalker am Montag zur Arbeit erscheinen… Einige verlassen gar schimpfend das Stadion, um vorzeitig den Heimweg anzutreten. Wer zu früh geht, den bestraft das Leben!

Zum Glück ist Tedesco bei der Halbzeitansprache offenbar nicht in Trübsal verfallen, zudem wechselt er Nastasic für den übermotivierten Kehrer ein. Die Süd böllert derweil etwas vor sich hin.

Ein erster Hoffnungstreif dann in der 53. Minute, als Naldo vermeintlich das 4:1 erzielt. Doch Aytekin entdeckt plötzlich den Videobeweis und findet irgendwo eine Millimeter-Abseitsstellung. Wenn die Schalker Kurve in diesem Moment wüsste, wo sein Auto steht, sähe es nicht gut für ihn aus!

JETZT. ERST. RECHT!

Doch die Schalker Mannschaft hat jetzt Blut geleckt und kämpft gegen „Borussia Aytekin“, den DFB und über 70.000 höhnische Schwatzgelbe an. Und Burgstaller fungiert einmal mehr dals Dosenöffner und bugsiert in der 61. Minute mit dem Kopf eine Vorlage von Stambouli ins Netz. 4:1, GEht doch.

Geht da wirklich noch was? Und wie! 04 Minuten später ist der sehr agile Harit zur Stelle und erzielt mit einem sehenswerten Rechtsschuss das 4:2. Jaaaaa! Die Kurve ist schwer erleichtert, dass „sie sich wenigstens nicht widerstandslos abschlachten lassen und kämpfen!“ und bekennt sich freimütig dazu „asoziaaaaaale Schaaaalker“ zu sein.

Dann eskaliert es vollkommen: Aubameyang muss nach einem fiesen Foul gegen Harit mit Gelb-Rot den Platz verlassen, begleitet von höhnischen „Auf Wiedersehn!“-Rufen der Schalker. Auch der angeschlagene Götze muss raus, für ihn kommt Castro, der als Erstes ebenfalls Harit in die Beine tritt, der minutenlang behandelt wird und dann vom Feld humpelt, aufgrund fehlender Wechselmöglichkeit aber auf die Zähne beißt und wiederkommt. Äußerst unsportlich: Als er verletzt an der Linie entlanghumpelt, beschimpft und bewirft ihn die Süd noch.

Bosz setzt jetzt auf eine Stärkung der Defensive, nützt aber nix: Der gerade für Guerreiro ins Spiel gekommene Zagadou lässt sich wie ein Tanzbär von Caligiuri vernaschen, der daraufhin in der 86. Minute mit einem wunderschönen Linksschuß in den Winkel den Anschluss zum 3:4 erzielt. Die Kurve rastet aus, die Angst der Zecken ist jetzt fast mit den Händen zu greifen. Die Gesänge „Pipi Kacka Scheiße S 04“ deuten zudem daraufhin, dass sich etliche schwarzgelbe Anhänger zumindest geistig noch im Kita-Alter befinden.

Die Moral!!! Der Wahnsinn!!! Schalke!!!

Sokratis versucht es mit einer Schauspieleinlage an der Seitenlinie, die neben einer Verzögerung eine gelbe Karte für Konoplyanka bringt. Nutzt aber alles nichts, denn aufgrund der diversen Behandlungspausen wird sieben Minuten nachgespielt. Und in der 90.+4. Minute ist es so weit: Nach einer Ecke von Konoplyanka steigt Naldo gefühlte 04 Meter in die Luft und wuchtet den Ball zum 4:4-Ausgleich ins Netz. I WERD NARRISCH!!!

Die Schalker Kurve feiert einen Kollektivorgasmus und verfällt völlig dem Wahnsinn, was für eine Aufholjagd! Bierbecher fliegen im Dutzend, wildfremde Menschen purzeln übereinander, manch hartgesottener Kerl verdrückt ein Tränchen der Begeisterung. „Die Nummer 1 im Pott sind wir!“, der Mythos vom Schalker Markt und „Schalke ist der geilste Club der Welt“ werden in den Abend hinausgebrüllt.

Als die Mannschaft in die Kurve kommt, versuchen die Ordner zunächst, sie zurückzudrängen, doch gegen gemeinsames Hüpfen sind sie machtlos. Auch Tedesco, der beim Ausgleich wie von der Tarantel gestochen zur Traube rannte, hüft wie ein junges Känguru. Für genau solche Spiele lebt man als Fußballfan!!!

„4:4 gewonnen! Das geilste Match seit… seit… Dinosaurier in Gelsenkirchen grasten! Okay, zumindest das geilste Unentschieden seit DEM legendären 6:6!“ oder „Das nennt man Moral!“ lauten die hochzufriedenen Fazits. Im Bus zurück werden sämtliche Schalker Lieder plus eine kleine Hommage an Peter Bosz („Peter ist bald arbeitslos…!“) durchgenudelt. Die enttäuschten BVB-Fans versuchen indes, den Platz zu stürmen und ihren Frust an Schalkern abzureagieren.

Und die Moral von der Geschicht: Unterschätze bloß die Schalker nicht…! Glückauf!

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